Designklassiker - gekommen, um zu bleiben

In der aktuellen Ausgabe der DC HOMES würdigen wir den Eames Lounge Chair als Designklassiker der 1950er Jahre. Welche stilprägenden Möbel und Accessoires folgten ihm nach? Ein Blick auf Designklassiker von den 1960ern bis heute 

1960er: "Ball Chair" von Eero Aarnio (*1932)

Ball Chair

Mit dem "Ball Chair" erschuf der finnische Innen- und Möbeldesigner Eero Aarnio 1963 nicht nur ein Kultobjekt, sondern auch eines der wichtigsten Design-Symbole der Sixties, ein leuchtend buntes Kunststoffmöbel im Pop-Art-Stil, das experimentell gewagtes Design mit Funktionalität kombiniert. Der "Ball Chair" ist nicht nur ein gewöhnlicher Sessel, er ist "ein Raum im Raum": ein Rückzugsort zum Chillen, Musikhören und Lesen, in dem die Umgebungsgeräusche kaum zu hören sind. Die geöffnete Halbkugel mit ihrem stoffbezogenen Innenleben und bequemen Kaschmirkissen ist auch heute noch mehr als hygge; neben aller Gemütlichkeit war ihr Design in den 60ern aber auch avantgardistisch genug, um schnell zum exzentrischen Liebhaberstück zu werden.

Mit seiner Raumkapseloptik traf der "Ball Chair" den Nerv der Zeit, schließlich flogen damals gerade die ersten Astronauten zum Mond. Alles schien möglich, man wollte raus aus den engen Konventionen der 50er, weg vom nüchternen Stil mit viel Holz, geraden Linien und schlichten Formen. Dank moderner Kunststoffmaterialien und neuer Produktionstechniken wurde organischeres, runderes Design möglich. Ein Befreiungsschlag, der Aarnio zum Durchbruch verhalf und ihn und seinen "Ball Chair" weltberühmt machte. Ob im James Bond-Film "007 jagt Dr. No", in Tim Burtons "Mars Attacks!" oder in "Men in Black" - Aarnios Kugelsessel ist seit einem halben Jahrhundert fester Bestandteil der Popkultur und das immer noch futuristische Highlight auf unzähligen Magazintiteln, Plattencovern oder Veranstaltungen.

1968 entwarf Aarnio den Nachfolger "Bubble Chair", einen Hängesessel aus durchsichtigem Acrylglas mit Ledersitzkissen. Beide Sitzobjekte haben einen dauerhaften Ausstellungsplatz in den großen Design-Museen, zum Beispiel im New Yorker MoMA, im Centre Pompidou oder im Vitra Design Museum.

1970er: "Onion" Teppich von Verner Panton (1926-1998)

Teppich Onion

Die wilden 70er Jahre mit ihrem revolutionären Geist waren das ideale Jahrzehnt für den dänischen Designer und Architekten Verner Panton, der mit seinen Entwürfen stets provozieren und andere dazu zu bringen wollte, ihre eigene Vorstellungskraft zu nutzen. Passend zur "Love, Peace and Freedom"-Bewegung dieser Zeit entwarf er skulpturale, halluzinogene Möbel, die geradezu erotisch wirkten, wie das Sofa-Kunstwerk "Living Sculpture". Panton war besessen von der Ästhetik; sein Ziel war es stets, Boden, Wände und Decken zu einer organischen Raumeinheit verschmelzen zu lassen. Dabei konzentrierte er sich nicht nur auf die Besonderheit der Form, auch Farbe war immer ein zentrales Element seiner Arbeit. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich damit, welche Wirkung verschiedene Farben auf den Menschen haben. Bestes Beispiel für seinen virtuosen Umgang mit Farben und Formen ist Pantons Teppich "Onion" von 1979, der mit seinen psychedelischen Mustern so typisch ist für die Siebziger wie die ewig wabernde Lavalampe im Hintergrund. Die schwungvollen, symmetrischen Kurven von Pantons Zwiebel erinnern an weibliche Wärme und Attraktivität, die Rot-, Gelb- und Erdtöne erzeugen ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit.

Panton hat einen umfassenden Nachlass von 600 realisierten und nicht realisierten Entwürfen hinterlassen, die sich heute im Vitra Design Museum befinden. Darunter auch der berühmte Panton-Stuhl, der seinerzeit der erste Freischwinger war, der aus einem Kunststoffguss hergestellt werden konnte. Auch das war eine echte Revolution, zu der Panton durch seinen Mentor Arne Jacobsen inspiriert wurde, dessen Assistent er in den frühen 1950er Jahren war. Von niemandem habe er so viel gelernt wie von Jacobsen, erzählte Panton gerne, vor allem die wichtigste Lektion seines Designerlebens: Unsicherheiten zuzulassen, aber niemals aufzugeben.

1980er: Saftpresse "Juicy Salif" von Alessi (Philippe Starck, *1949) und Teekanne "Filio" von Mono

Der französische Designer Philippe Starck gründete bereits im Alter von 19 Jahren sein erstes eigenes Studio in Paris. 1992 erlebte seine Designkarriere einen entscheidenden Aufschwung, als er das Interieur der Privatwohnung des damaligen französischen Präsidenten François Mitterand gestaltete. Danach bekam Starck zahlreiche Gestaltungsaufträge für internationale Hotels, Cafés und Clubs und wurde bekannt als Produktdesigner für Möbel- und Haushaltsgegenstände. 

Sein bekanntestes Küchenutensil entstand Ende der 1980er Jahre als Auftragsarbeit für Alberto Alessi: die Zitruspresse "Juicy Salif". Ein Entwurf nach Alessis Geschmack, der die Ansicht vertritt, dass Design stets an menschliche Emotionen appellieren müsse und deshalb immer ein wenig schräg sein dürfe. Kein Problem für Starck, selbst ein Freund skurriler Entwürfe: So steht der stromlinienförmige Körper von "Juicy Salif" auf dünnen Spinnenbeinen und löst beim Betrachter tatsächlich sofort zahlreiche Assoziationen aus - ist es Tier, Alien, Rakete oder gar Phallussymbol?

Teekanne Filio
Dass Starck die tatsächliche Funktion, das Saftpressen, dabei eher in den Hintergrund rückte, tat dem Erfolg keinen Abbruch: Die 1980er waren in den schönen Schein verliebt, da war es egal, dass sich "Juicy Salif" im alltäglichen Einsatz schnell als höchst unpraktisch erwies. Hauptsache, man hatte mit dem futuristischen Designobjekt ein It-Piece in der Küche stehen.

Ein typisches 80er-Jahre-Objekt ist auch die Teekanne "Filio" von Mono. Nicht nur ihr dünnes Edelstahlgestell macht sie zum Hingucker. Auch der eigentliche Aufgussvorgang ist ein Schauspiel: Langsam sinken die Teeblätter in der gläsernen Halbkugel zu Boden, langsam verfärbt sich das Wasser. Wunderbar anzusehen. Nur braucht man immer zwei Hände zum Ausgießen, und Vorsicht, es kann ordentlich heiß werden! Auch hier bleibt das Design also den 80er Jahren treu: Schön, teuer, edel - aber nicht unbedingt praktisch.

 

1990er: Zettelleuchte "Zettel’z" von Ingo Maurer (*1932)

Lampe Zettel z
Seit Mitte der 1960er Jahre entwirft der deutsche Industriedesigner Ingo Maurer ungewöhnliche Lampen, Lichtsysteme und Objekte. Dabei geht es ihm in seinen Entwürfen nicht nur um die reine Beleuchtung, sondern um eine besondere Inszenierung von Licht - und Poesie. Besonders deutlich wird dieser Ansatz in der Hängelampe "Zettel’z", die Maurer 1997 entwarf, und mit der er es wie niemand zuvor schaffte, den Benutzer an der Design-Gestaltung zu beteiligen. Bei "Zettel’z" machte Maurer handgeschöpftes Japanpapier zu Lichtobjekten und brach dabei mit allem, was formal an eine Lampe erinnert. "Zettel’z" traf dennoch eindeutig den Geist der 90er, in denen klobige Deckenlampen durch kleinere Lichtquellen ersetzt wurden.

Auch die Vorliebe der Zeit für Möbelelemente aus Metall und Chrom finden sich in der Hängelampe wieder: Sie besteht aus 40 kurzen und langen Edelstahl-Stäben, an denen mit Klammern Notizzettel befestigt werden. 31 dieser Zettel sind bereits bedruckt (in der aktuellen Sonderedition "Zettel’z Munari" basiert das Design zum Beispiel auf dem illustrierten Alphabet von Bruno Munari von 1960). 49 Zettel werden unbedruckt mitgeliefert - weiße Leinwände für die Kreativität und Fantasie des Käufers. Eigene Sprüche, Skizzen oder Gedanken machen jede "Zettel’z"-Leuchte zum Unikat und besonderen Eyecatcher. Zumal die Lampe auch noch individuell zusammengesteckt werden kann: raumgreifend oder schmal, mit den Zetteln dicht an dicht. So entsteht ein faszinierender Licht- und Schatteneffekt im Zimmer - und Poesie in unserem Alltag. Nicht nur dafür gebührt dem Lichtdichter Ingo Maurer alle Ehre: 2005 erhielt er den Ehrentitel "Royal Designer of Industry" der Londoner Royal Society of Arts und 2010 den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland für sein Lebenswerk.

2000er: "Chair One" von Konstantin Grcic (*1965)

Chair One
Der gebürtige Münchner Konstantin Grcic lernte erst Tischler, bevor er seinen Master in Industriedesign am Royal College of Art in London machte. Zunächst arbeitete er als Assistent von Jasper Morrison, dessen schlichte, minimalistische Entwürfe ihn sehr beeinflussten. Daraus entwickelte er aber bald eine eigene, unverwechselbare Formensprache, die industrielle Ästhetik mit experimentellen, künstlerischen Elementen verbindet. Der internationale Durchbruch gelang Grcic 2003 mit dem avantgardistischen Sitzmöbel "Chair One", das er aus Druckguss-Aluminium fertigte, ein Werkstoff, der zuvor meist für Möbelgestelle verwendet wurde. Mittlerweile gibt es den "Chair One" in verschiedenen Varianten: als Stapel-, Dreh- oder Bürostuhl, mit dazugehörigen Kissen aus Stoff oder Leder für innen und mit Polyurethan für draußen.

Der skelettartige Stuhl ist ähnlich wie ein Fußball konstruiert – ein futuristisches, dreidimensionales Kunstwerk mit moderner Fachwerkstruktur. Gleichzeitig erinnert der vektorhafte Rahmen an unfertige Animationsmodelle aus dem Computer, kurz bevor sie mit einer Struktur überzogen werden: Das machte den "Chair One" zum perfekten Symbol für das anbrechende Internetzeitalter, in dem alle bekannten Grenzen gesprengt wurden und alle Möglichkeiten offen standen. Heute gilt Grcic als einer der wichtigsten Designer unserer Zeit, der für seine "einfache" Formensprache weltweit gefeiert wird. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und ausgestellt, das Vitra Design Museum widmete dem Designer 2014 eine große Einzelschau. In diesem Rahmen beschrieb er auch seinen Zugang zu seinen Werken: "Design ist das Abenteuer, nicht genau zu wissen, was bei einem kreativen Prozess herauskommt. Ich möchte verstehen, wie Design mit dem Leben verbunden ist. Die Tatsache, dass das Leben nicht perfekt ist, macht es umso interessanter. Es ist also in Ordnung, wenn die Produkte ein bisschen widerspenstig sind."

2010er: Tisch "Bell Table" von Sebastian Herkner (*1981)

Bell Table
Mit seiner Abkehr vom Ultra-Minimalismus und Industrie-Chic hat es Sebastian Herkner in weniger als einem Jahrzehnt geschafft, einer der bekanntesten deutschen Produkt- und Industriedesigner zu werden. "Das Auge sehnt sich nach Opulenz und leuchtenden Farben, nach Greifbarem", sagt Herkner, der bei seinen Arbeiten auf traditionelle Handwerkskunst in Verbindung mit High-Tech und edlen Materialien setzt. Sein Stil ist dementsprechend sinnlicher, als man es von deutschem und skandinavischem Design der vergangenen Dekaden kennt. 

Seinen internationalen Durchbruch nach seinem Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung erzielte Herkner 2011 mit dem Couchtisch "Bell Table", der jetzt schon als Designklassiker gilt. In dem Möbel, das an den eleganten Schwung einer Glocke erinnert, stellt der 37-Jährige den gewohnten Umgang mit Materialien auf den Kopf: Hier wird der Sockel zur prägnanten farbig-transparenten Glasform im Raum, auf der ein Metallkörper liegt. Durch den Glasfuß bekommt das eigentlich schwere Metall eine schwebende Leichtigkeit. So bilden das mundgeblasene Glas und der massive Metallkörper gleichzeitig einen spannenden Kontrast wie eine harmonische Einheit. Weil jeder Tisch handgefertigt ist, sind kleinere Bläschen oder Unebenheiten typisch. Die Platte besteht aus Kristallglas oder Marmor. Zur Zeit der Entstehung des "Bell Table" war das eine mutige Entscheidung: "Während Kunststoffe und neue Techniken en vogue waren, bin ich mit Messing und geblasenem Glas gegen den Strom geschwommen", erinnert sich Herkner. Die unkonventionelle Materialwahl wurde mit zahlreichen Designpreisen belohnt. So hat der Entwurf Herkner auch die Möglichkeit gegeben, eins seiner wichtigsten Anliegen zu zeigen, dass er mit seinen Objekten verfolgt: Das Bewusstsein der Gesellschaft dafür zu schärfen, dass in Handarbeit viel Mühe steckt und sie dementsprechend bezahlt werden muss.

24.10.2018