Kunst am Bau: Spektakuläre Museen

Wenn das Gebäude selbst schon ein Ereignis ist: In der aktuellen DC HOMES zeigen wir moderne Museumsbauten, die durch ihre Architektur bestechen - und setzen die Reihe hier fort

Nationalmuseum Katar, "Wüstenrose" - Architekt: Jean Nouvel

Das Emirat Katar eröffnete im Frühjahr 2019 in seiner Hauptstadt Doha ein spektakuläres Nationalmuseum zur Geschichte und Kultur Katars. Grundidee hinter dem Entwurf Jean Nouvels waren die komplexen, rosettenartigen Strukturen der sogenannten Sandrosen (auch Wüsten-, Baryt- oder Gipsrosen genannt). Diese bizarren Mineralgebilde entstehen in der Wüste bei der Verdunstungskristallisation von Gips. Nouvel stellte sich der Herausforderung einer besonderen, dem Ort angemessenen Architektur, löste diese Aufgabe mit großer Kreativität und bediente sich dabei technischer Mittel, die vor ein paar Jahren noch nicht möglich gewesen wären. "Ich wollte etwas versinnbildlichen, das nicht rein archaisch ist, sondern auch Modernität symbolisiert", so der Architekt. Der Gebäudekomplex selbst - das überdimensionierte Symbol der Wüstenrose - setzt sich aus 600 verschiedenen, diskusförmigen Elementen zusammen, die in verschiedenen Winkeln miteinander verschnitten sind. Trotz seiner 52.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in zwölf Sälen trumpft das Museum nicht mit seiner Größe auf - im Gegenteil, Nouvel will nicht mit den monatlich neu in den Himmel wachsenden Wolkenkratzern konkurrieren. Der Museumskristall passt sich mit der sandfarbenen Tönung des Betons eher seiner ursprünglichen Wüstenumgebung an.

Mit diesem neuem Wahrzeichen soll Katar auch kulturell konkurrenzfähig werden, vor allem im Hinblick auf die umstrittene Fußball-WM 2022. Übrigens: Katar plant schon wieder das nächste Museum, es soll das größte der Welt werden...

www.nmoq.org.qa

YSL-Museum Marrakesch - Architekten: Studio Ko

Musee YSL

Musee YSL
Marrakesch war für den Designer Yves Saint Laurent bis zu seinem Tod 2008 Ersatzheimat und Rückzugsort vom hektischen Pariser Modezirkus. Land und Leute erinnerten ihn an seine Kindheit in Algerien. Laurents Lebensgefährte Pierre Bergé beauftragte die beiden jungen Architekten Karl Fournier und Olivier Marty (Studio Ko) mit einem zeitgemäßen und marokkanischen Museumsbau. Voilà, entstanden ist 2017 ein schlichtes, kubistisches Gebäude mit klaren Linien aus lokalen Materialien wie Terrakotta, Beton und Marmor.

Über dem Eingang thront ein schalenartiger Aufbau, außen ziert das Gebäude ein schlichtes Mauerwerk, eine Kreuzung aus Würfeln und mehreren Lagen Ziegel in insgesamt sechs verschiedenen Mustern, die an die Struktur von textilem Gewebe oder die Oberfläche einer Leinwand erinnern. Auch der Grundriss lässt an ein Schnittmuster denken. Roter Backstein ohne Fenster bestimmt die Fassade. Farblich an die "Rote Stadt" Marrakesch angelehnt, umhüllt er das Gebäude wie ein Kleid. Im Inneren des Museums sind Hunderte Couture-Kreationen und Tausende Accessoires von YSL vor minimalistisch schwarzem Hintergrund ausgestellt.

www.museeyslmarrakech.com

Royal Ontario Museum (ROM) - Umbau und Erweiterung 2007 - Architekt: Daniel Libeskind

Das ROM in Toronto wurde 1914 gegründet und ist das größte Museum für Natur- und Kulturgeschichte in Kanada. Daniel Libeskind hatte 2002 die Ausschreibung zur Erweiterung gewonnen und die Ingenieure damit vor eine große Herausforderung gestellt, besonders aufgrund der Komplexität des "Kristalls", nach dem Sponsor "Michael-Lee-Chin Chrystal" benannt. Er tritt aus dem Gebäude seitlich hervor und ist nur durch Fußgängerbrücken an den Altbau angebunden. Konstruktiv und gestalterisch ist der Anbau eine eigenständige Einheit, eine freitragende Raumhülle aus fünf sich durchdringenden, prismenähnlichen Geometrien aus Alu und Glas.

Inspiration für diese ungewöhnliche Form des Anbaus sei die Mineraliensammlung des Museums, so Libeskind in einem Interview. 3.500 Tonnen Stahl wurden verbaut, der Chrystal gilt als eines der technisch ambitioniertesten Bauprojekte in Nordamerika. Insgesamt kosteten der moderne Anbau und weitere Renovierungen für das ROM rund 187,2 Millionen Euro. Es ist das größte Museum in Kanada und zählt jährlich mehr als eine Million Besucher.

www.rom.on.ca

Museu de les scièncias (1998), Valencia - Architekt: Santiago Calatrava

An der "Ciudad de las Artes y las Ciencias", der "Stadt der Künste und Wissenschaften", kommt kein Valencia-Besucher vorbei. Sie ist ein Musterbeispiel futuristischer Architektur, entworfen von einem der bekanntesten Valencianer, Santiago Calatrava, Architekt, Ingenieur und Künstler. Die stachelige, überdimensionale Konstruktion des interaktiven Wissenschaftsmuseums "Museo de las sciencias" ist das Herzstück der Anlage und erinnert an den lichtdurchfluteten Brustkorb eines Dinosaurier-Skeletts. Einige der meterhohen Stahlbetonträger des dreistöckigen Gebäudes haben die Form von riesigen Haken. Zwischen ihnen sind große Fensterflächen eingesetzt, wodurch es auch im Inneren des interaktiven Museums extrem hell ist.

Ultramoderne, exzentrische Kolosse aus Stahl, schneeweißem Zement und Glas sind typisch für Calatravas einzigartige Architektursprache, die sich an das Werk Gaudís anlehnt. Das gesamte Gebäude- und Parkareal mit Museum, Kino, Planetarium und Oper ist 350.000 Quadratmeter groß und befindet sich im trockengelegten Flussbett des Turia, das zu einem zehn Kilometer langen Erholungsgebiet umgebaut wurde.

www.cac.es

MAC Museum Art & Cars in Singen - Architekt: Daniel Binder

Museum Singen

Das Oldtimer- und Kunstmuseum liegt am Fuße des 686 Meter hohen Singener Hausberges Hohentwiel und dessen Festungsruine. Genau auf diese - Deutschlands größte - Burgruine bezog sich Architekt Daniel Binder, als er, der Devise des römischen Philosophen Seneca "Alle Kunst ist Nachahmung der Natur" folgend, vor Ort Skizzen anfertigte, um mit dem markanten Bergkegel in Dialog zu treten. Ergebnis dieser intensiven Vorbereitungszeit ist seit 2013 einer der architektonisch außergewöhnlichsten Bauten des süddeutschen Raumes: ein plastisch gerundeter, fensterloser Solitär, der sich auf den ersten Blick kaum als Museum zu erkennen gibt.

Seit Juni 2019 gibt es ein zweites, diesmal kantiges Museumsgebäude vom gleichen Architekten, wieder mit Bezug auf den Hohentwiel - zwei aus dem Berg gebrochene Felsbrocken. Binder: "Ich wollte etwas generieren, das unmittelbar mit dem Ort zu tun hat". Das ist ohne Zweifel gelungen.

www.museum-art-cars.com

Fondation Louis Vuitton in Paris - Architekt: Frank Gehry

Das grandiose Gebäude der Louis Vuitton Stiftung gilt als Kunstobjekt in Reinkultur und Neuheit im Pariser Stadtbild, als Hotspot für Design- und Architekturliebhaber. Die Fondation Louis Vuitton wurde von Bernard Arnault, dem vermögendsten Unternehmer Frankreichs und Eigentümer der Luxusartikelgruppe LVMH, in Auftrag gegeben und von Frank Gehry, Meister der modernen Museumsbauten (u.a. auch Seattle und Bilbao) bis 2014 umgesetzt. Entstanden ist ein faszinierendes, modernes Bauwerk, ein absoluter Kontrast zur klassischen Umgebung des Bois de Boulogne.

Mit etwas Fantasie lässt sich ein riesiges, wellenbrechendes Glasschiff mit zwölf aufgespannten Segeln (aus über 3.600 Glasscheiben) erkennen. Erwähnenswert sind darüber hinaus der atemberaubende Blick auf Paris von den Terrassen und die beeindruckende Wassertreppe sowie das Säulen-Spiegelkabinett von Olafur Eliasson. Bekannte Künstler wie Jeff Koons, Damien Hirst oder Claes Oldenburg laden mit ihren pompösen Skulpturen zum Lustwandeln im 20 Hektar großen Park ein. Magnifique! Übrigens: Ein Shuttlebus (1 Euro) bringt Besucher im Viertelstundentakt vom Arc de Triomphe direkt zum Museum, in dem Werke des 20. und 21. Jahrhunderts gezeigt werden.

www.fondationlouisvuitton.fr

CaixaForum Madrid – Architekten: Herzog/de Meuron

caixa forum

Dieser spektakuläre Bau gehört mit seiner Mischung aus Kunstmuseum und Veranstaltungszentrum seit Februar 2008 zu den Sehenswürdigkeiten Madrids. Im Zuge der Renovierung des ehemaligen Elektrizitätswerks, der Central Eléctrica del Mediodía, verlieh das Architekturbüro Herzog & de Meuron dem Gebäude aus dem Industriezeitalter zwei unverkennbare Merkmale: An einer danebenliegenden Fassade wurde ein vertikaler Garten mit 250 Pflanzenarten angelegt und das Gebäude selbst in einen Zustand der "Levitation", einen Schwebezustand, versetzt: Der tatsächliche - granitverkleidete - Sockel des Altbaus wurde zugunsten eines unter dem Haus entstehenden offenen Platzes entfernt. So scheint das Gebäude tatsächlich zu schweben.

Hier erprobten die Schweizer Baumeister auch erstmals ihr - in der Elbphilharmonie in Hamburg verfeinertes - Konzept, den Bestandsbau selbst als Sockel für einen "krönenden" Neubau zu verwenden. Nach dem Umbau ist das CaixaForum 8.000 Quadratmeter groß, die Flächen verteilen sich auf sieben Geschosse, von denen zwei unterirdisch sind. Das soziokulturelle Zentrum des 21. Jahrhunderts liegt außerdem zwischen den drei großen Pinakotheken des Paseo del Arte: Prado, Thyssen und Reina Sofía.

www.caixaforum.es/es/madrid/home

 

Musée des Confluences - Architekt: Wolf D. Prix/Coop Himmelb(l)au

Im französischen Lyon eröffnete Ende 2014 das futuristische Musée des Confluences, das globales Wissen mit Schwerpunkt Naturwissenschaften vermitteln will. Es befindet sich auf einer Landzunge, wo die Flüsse Rhône und Saône zusammenfließen - daher auch der Name "Confluences" für Zusammenfluss. Die besondere Lage spiegelt sich auch in der Grundform des Museums als langgestrecktes Dreieck wider. Die komplexe Gebäudeform, die von den Wiener Architekten um Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au entworfen wurde, ist klar in zwei Blöcke unterteilt. Sie besteht aus einem Kristall und einer Wolke. Im "Kristall" auf der Nordseite befindet sich der monumentale, verglaste, helle Haupteingang. Die "Wolke", der Hauptkörper des Gebäudes, besteht aus acht lichtundurchlässigen Ausstellungssälen. Besucher können sich zwischen diesen abgeschlossenen und offenen Ausstellungsflächen wie in einem mäandernden Flusslauf bewegen und über unzählige Übergänge, Rampen und Ebenen flanieren.

Um solche freien architektonischen Formen zu bauen, mussten die Ingenieure zahlreiche statische und bauphysikalische Probleme überwinden und neue Lösungen entwickeln. Aus architektonischer Sicht: ein Muss! Anderes Highlight: zwei zu 80 Prozent vollständige Dinosaurier-Skelette. Wer Lyon besucht, muss das Museum gesehen haben.

www.museedesconfluences.fr

Lust auf noch mehr Kunst am Bau? Weitere architektonisch spektakuläre Museen:

*The Broad in Los Angeles – Diller Scofidio + Renfro, 2015, Museum für zeitgenössische Kunst, www.thebroad.org

*MONA (Museum of Old and New Art) in Hobart, Tasmania – Katsalidis/Yuncken, 2011, Australiens größtes privat finanziertes Kunstmuseum, www.mona.net.au

*Tai Kwun Centre for Heritage and Arts, Hong Kong – Herzog & de Meuron, 2018, Kunst-und Kulturzentrum an Standort des früheren Polizeipräsidiums und Gefängnisses, www.taikwun.hk

*Fondazione Prada, Mailand – Rem Koolhaas, 2018, moderne Kunst auf Gelände einer ehemaligen Destille,  www.fondazioneprada.org

*RSM, Robot Science Museum, Seoul – das türkische Architekturbüro MAA hat den internationalen Wettbewerb für dieses gigantische, eiförmige Museum gewonnen. Baubeginn 2020. Architektur, die mittels Robotik und Drohnen entsteht.

12.09.2019 Artikel-ID: 88050